Zwölf Fragen im April: Gender-Talk mit Ulle Jäger
Ulle Jäger forscht zu der Frage, wie sich private Geschlechterarrangements auf berufliche Laufbahnen auswirken. Aktuell ist ihre Studie zur Situation von Doppelkarrierepaaren in der Wissenschaft erschienen.
Sie beschäftigen sich mit dem Thema „Wissenschaft als Beruf“. Was ist das Besondere an Ihrer Arbeit?
Max Weber hat vor fast hundert Jahren Wissenschaft als Beruf bezeichnet, der eine „innere Leidenschaft“, eine „innere Hingabe“ verlangt. Er beschrieb Wissenschaft als „Lebensform“. Das ist eine Definition von Arbeit, die stark mit der Vorstellung unbegrenzter zeitlicher Verfügbarkeit verbunden ist. Die feministische Kritik hat diesen Arbeitsbegriff in Frage gestellt, denn die Voraussetzungen, solche Anforderungen zu erfüllen, sind für viele Frauen – anders als für die Mehrheit der Männer – nicht gegeben. Das hat viel mit den vorherrschenden privaten Geschlechterarrangements zu tun. Der Professor betreibt Wissenschaft als Beruf und macht dort Karriere, während seine Gattin ihm dafür privat den Rücken frei hält. Seit Frauen Eingang in das Berufsfeld Wissenschaft gefunden haben, wird darüber gesprochen und geforscht, dass es für sie viel schwieriger ist, das Bild von Wissenschaft als Lebensform zu erfüllen, da sie „nebenher“ auch noch andere Arbeiten zu erledigen haben, sei es Kinderbetreuung, sei es Haushalt oder die Pflege von Familienangehörigen.
Ich bin während meiner Forschung auf folgende Äusserungen gestossen: „Ich weiss genau, um sechs geht die Kinderfrau, dann muss ich auf der Matte stehen.“ „Ich hatte die Situation, dass ich im europäischen Ausland sehr attraktive Angebote hatte. Und da haben wir gemeinsam entschieden, dass wir das nicht machen. Weil es für uns als Familie nicht gut ist.“ Solche Aussagen galten bislang als eher typisch für Frauen. Die Zitate stammen aber von Männern. Hier zeigt sich, dass im Berufsfeld Wissenschaft etwas in Bewegung geraten ist.
Das Besondere an meiner Arbeit ist also zum einen, dass ich vom Privaten her auf das Berufliche schaue. Und zum anderen, dass dabei jenseits der Persistenz von Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern im Wissenschaftsfeld auch Veränderungen sichtbar werden. Das Selbstverständnis und das Selbstverhältnis von NachwuchswissenschaftlerInnen in Bezug auf ihre „Rollen“ als Wissenschaftler, Vater, Mann bzw. Wissenschaftlerin, Mutter, Frau hat sich verändert.
Die Anforderungen, die Max Weber skizziert hat und die aus der Perspektive von Frauen kritisiert wurden, können aktuell auch von Männern nicht mehr ungebrochen erfüllt werden. Das gilt vor allem für Männer, die in Doppelkarriere-Beziehungen leben. In meiner Untersuchung in St Gallen habe ich mich mit solchen Paaren beschäftigt.
Was haben Sie herausbekommen?
Bei so genannten Doppelkarrierepaaren oder DCCs (kurz für das englische „dual career couples“) ist die Gleichwertigkeit der Berufslaufbahnen eine wesentliche Basis der Partnerschaft. Ich habe mich mit Paaren beschäftigt, bei denen mindestens eine/r eine wissenschaftliche Laufbahn verfolgt und an der Universität St Gallen angestellt ist. Ich gehe davon aus, dass private Geschlechterarrangements sich auf Praxen und Vorstellungen von Wissenschaft als Beruf auswirken, und zwar bei Frauen und Männern. Die Ergebnisse aus St Gallen weisen in diese Richtung. In meiner Habilitation möchte ich vertiefend untersuchen, wie genau das Private auf das Berufliche wirkt und wie sich das Berufsfeld Wissenschaft aktuell verändert.
Sie haben mit vielen NachwuchswissenschaftlerInnen gesprochen, was fiel auf?
Das Gemeinsame aller InterviewpartnerInnen ist die egalitär ausgerichtete Partnerschaft, in der sie leben. Das war das Kriterium, nach dem ich die InterviewpartnerInnen ausgesucht habe. Auffällig sind besonders die Männer, genauer gesagt: die Väter. Sie setzen deutliche Grenzen in Bezug auf ihre berufliche Verfügbarkeit, weil sie Zeit mit ihrer Familie, vor allem mit ihren Kindern, verbringen möchten. Und das nicht nur am Wochenende, sondern regelmässig, auch unter der Woche. Bei den Frauen hat mich besonders berührt, dass einige von Partnerschaften berichtet haben, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Laufbahn zerbrochen sind. Offensichtlich ist es für einige Männer nach wie vor schwierig, sich beruflich von ihrer Partnerin überholen zu lassen.
Sie fordern, dass die Gleichstellungspolitik im Wissenschaftsfeld den mittlerweile vielfältigen Geschlechterarrangements gerecht werden muss.
Ich zeichne nach, welche Veränderungen sich im Privaten abzeichnen. Die interessante Frage ist: Welche Veränderungen müssten in der Berufswelt erfolgen, um diesem Wandel der Geschlechterverhältnisse Raum zu geben? Es zeigt sich, dass bestimmte berufliche Anforderungen am ehesten dann zu erfüllen sind, wenn das tradierte Arrangement (Mann - Beruf; Frau – Haushalt und Familie) gewählt wird. Das gilt nicht nur für die Wissenschaft, sondern eigentlich für alle inhaltlich anspruchsvollen Tätigkeiten mit Führungsaufgaben. Das hat Folgen. Zum einen für Frauen, die nur sehr selten einen Partner finden, der in die Rolle einer „Gattin“ geht und auf die Erfüllung seiner beruflichen Wünsche mehr oder minder verzichtet. Zum anderen aber auch für Männer, die neben dem Beruf noch andere Interessen haben und gerne in einer egalitären Partnerschaft leben möchten. Die neuste „Väter-Studie“ des Zentrum Gender Studies beschreibt sehr eindrücklich, wie sich das Selbstverständnis vieler Schweizer Männer verändert. Auch ich bin auf viele jüngere Väter gestossen, die gerne Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten und nicht länger bereit sind, für eine wissenschaftliche Karriere „alles“ zu geben und ihre Familie an die zweite Stelle zu setzen. Meiner Ansicht nach ist es an der Zeit, diese Männer beim Thema Vereinbarkeit im Sinne einer Bündnispolitik mit ins Boot zu holen.
Es brauche also Arrangements, in denen beide beides (Beruf und Familienarbeit) machen. Studien aus Schweden zeigen aber, dass Männer sich zwar heute mehr um Kinder kümmern, aber der Rest der Familienarbeit nach wie vor von den Frauen gemacht wird. Wie realistisch ist die 50/50-Forderung?
Ich glaube, es geht weniger darum, das Berufliche und das Private zu exakt gleichen Teilen zu teilen. Eine echte Veränderung wäre es aus meiner Sicht, wenn die binäre Zuweisung an die Geschlechter aufgebrochen werden könnte und damit Räume und Handlungsmöglichkeiten entstehen, in denen – um mit Marx zu sprechen – jede und jeder nach den eigenen Fähigkeiten und Bedürfnissen Zugang zu den bislang noch stark getrennten Feldern des Beruflichen und des Privaten bekäme. Damit Männer und berufstätige Frauen mehr Raum für Familienarbeit erhalten, müssen auf jeden Fall die beruflichen Anforderungen gesenkt werden, die ja für alle, egal welchen Geschlechts und in welcher beruflichen Position, in den letzten Jahren enorm gestiegen sind.
Was halten Sie von politischen Massnahmen wie in Norwegen, wo mehrere Wochen der Elternzeit ausschließlich vom Vater genutzt werden dürfen?
Es gibt ja seit 2007 einen ähnlichen Ansatz in Deutschland. Dort stehen einer Familie 14 statt 12 Monate bezahlte Elternzeit zur Verfügung, wenn beide, also Vater und Mutter, eine berufliche Auszeit nehmen. Interessant ist, dass in der Mehrzahl der Fälle die Väter exakt zwei Monate zu hause bleiben. Inzwischen ist sogar schon die Rede von den „Vätermonaten“, und damit sind genau diese zwei Monate und nicht mehr gemeint. Es bleiben also Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestehen. Gleichzeitig ist die Anzahl von Vätern, die in dieser Form eine berufliche Auszeit zur Betreuung ihrer Kinder nehmen, auf immerhin 23% angestiegen. Das ist, trotz der weiterhin ungleichen Verteilung von Betreuungsaufgaben, eine erfreuliche Veränderung. Es ist wichtig, dass in der Berufswelt auch bei Männern ihre Elternschaft sichtbar wird. Auf der Ebene der symbolischen Ordnung macht es meiner Ansicht nach einen Unterschied, weil die Zuweisung von privaten und beruflichen Aufgaben nicht mehr ganz so eindeutig entlang der Geschlechterdifferenz verläuft.
Die Debatten um die „unbezahlte Hausarbeit“ erleben gerade ein Revival. Die berufliche Emanzipation westlicher Frauen produziert neue Ausbeutungsverhältnisse: Die Hausarbeit wird heute schlecht-bezahlten, nicht-versicherten ausländischen Au-Pairs oder Putzkräften überlassen. Wie sehen Sie das?
Ja, das ist ein ganz wichtiges Thema, bei dem sich zeigt, dass es an manchen Stellen nicht ausreicht, die Differenzen zwischen Männern und Frauen zu thematisieren. Hier werden grosse Unterschiede zwischen Frauen verschiedener Klassen und zwischen Frauen verschiedener ethnischer Hintergründe sichtbar. Dieses Thema ist allerdings in der Wissenschaft auf der Ebene des Persönlichen tabu. So wird zwar zu Geschlechterverhältnissen und unbezahlter Hausarbeit geforscht, aber welche Professorin redet schon darüber, wer bei ihr zuhause aufräumt, kocht und die Kinder versorgt? Meine eigene Arbeit - und die meines Partners - ist nur möglich, weil wir eine aus Polen stammende Putzfrau haben, die zweimal pro Woche aufräumt, wäscht und für Ordnung sorgt, und weil unser Aupair-Junge aus Moldawien unsere Kinder am frühen Nachmittag aus dem Kinderhaus abholt. Ich denke, auch diese unsichtbare Arbeit sollte in ihrer Bedeutung für das Funktionieren des Arbeitsmarktes sichtbar gemacht und entsprechend honoriert werden.
„Queer, flexibel, erfolgreich. Haben dekonstruktivistische Ansätze den Feminismus entwaffnet?“ So der Titel eines Artikels der Theoretikerin Tove Soiland in der aktuellen Ausgabe „Analyse und Kritik“ . Soilands These: Die Verbindung der Geschlechtertheorie mit Kapitalismuskritik ist durch die Queer Theory verloren gegangen. Statt um die kapitalistische Verwertung und ihre Verbindung mit patriarchalen Unterdrückungsformen, ginge es nur noch um die Anerkennung unterschiedlicher Lebensstile. Was ist von solchen Anschuldigungen zu halten?
Ich halte Tove Soilands Hinweis auf die Bedeutung der kapitalistischen Produktionsweise für berechtigt. Politisch ist es höchste Zeit, wieder mehr über Klassen zu reden. Allerdings geht es für mich nicht darum zu entscheiden, welche Kategorie die „wichtigste“ ist. Und in meinem Verständnis von Queer Theory wird mit der Dekonstruktion auch nicht automatisch die Bedeutung von Geschlecht für die bestehende Gesellschaftsordnung de-thematisiert. Auf der Ebene des Symbolischen sind mehrere Formen der Herrschaft im Spiel, insofern sind für die Analyse symbolischer Herrschaft die analytischen Kategorien „Rasse“/Ethnizität, Klasse, Geschlecht und Sexualität meiner Ansicht nach gleichermassen relevant. Je nach Thema gilt es zu entscheiden, was analytisch in den Vordergrund rücken soll. In der gesellschaftlichen Realität sind aber immer schon alle Ebenen da. Der grosse Verdienst der Queer Theory liegt meiner Ansicht nach darin, neben sex und gender auch desire zu thematisieren und damit auf die Bedeutung von Begehrensrelationen zu verweisen. Das schliesst die anderen Ebenen aber nicht aus.
Wann haben Sie zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan?
Ich habe zum ersten Mal Aufsätze gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen geschrieben, einmal zu zweit und einmal zu dritt. Das war inhaltlich sehr produktiv und anregend, und es sind Erkenntnisse und Ergebnisse dabei herausgekommen, die ich alleine so nicht hätte erzielen können. Ausserdem hat es Spass gemacht, und das ist ein Faktor, der beim wissenschaftlichen Arbeiten ja auch nicht zu kurz kommen sollte.
Woran glauben Sie nicht mehr, an das Sie vor zehn Jahren noch geglaubt haben?
Ehrlich gesagt hat sich an meinen wesentlichen Überzeugungen nicht so viel geändert. Vielleicht – oder hoffentlich – ist mein Blick differenzierter geworden. Aber wenn mit „glauben“ gemeint ist, von etwas überzeugt zu sein, so glaube ich immer noch an dieselben Dinge wie vor zehn Jahren.
Fernsehkritik der reinen Vernunft: Was war sehenswert im letzten Monat?
Ausser Tatort und Polizeiruf 110 sonntags abends sehe ich sehr selten fern. An den US-Serien „Lie to Me“ und „Castle“, die ich mit meinem Partner zum „chillen“ auf Englisch aus dem Netz schaue, gefallen mir die allein erziehenden Väter. So einen Papa wie Dr. Cal Lightman (Tim Roth) hätte ich auch gerne gehabt.
Lektürencheck: Welcher wissenschaftliche Text hat Sie im letzten Monat besonders beschäftigt?
Die männliche Herrschaft von Pierre Bourdieu. An diesem Text habe ich immer wieder alleine gesessen, ihn aber auch lange gemeinsam mit Tomke König und Andrea Maihofer diskutiert. Wir haben zu dritt einen Aufsatz zu der unserer Ansicht nach innovativen Verbindung von Geschlechtertheorie und Gesellschaftstheorie geschrieben, die Bourdieu hier entwickelt. Für den Aufsatz mit Tomke König zum Thema „Reproduktionsarbeit in der Krise und neue Momente der Geschlechterordnung“ war dieses Spätwerk Bourdieus ebenfalls sehr wichtig. Auch für mein aktuelles Habilitationsprojekt zum Thema „Wissenschaft als Beruf und geschlechtliche Selbstverhältnisse im Wandel“ spielt Bourdieus Theorie eine grosse Rolle. Es gibt theoretische Texte, von denen man sehr lange zehren kann und die immer wieder aufs Neue relevant und bedeutsam werden. Die männliche Herrschaft ist für mich ein solcher Text.
Wer mehr wissen möchte:
Forschungsprojekte zu Wissenschaft und Geschlecht

