Wie wohnen Paare?

Wandel, Persistenz und Geschlechterverhältnisse in der Gestaltung, Nutzung und Pflege von Räumen

 

Dr. Tomke König, Prof. Dr. Andrea Maihofer, Dr. Christof Arn, Sina Bardill, Katharina Belser

Laufzeit: 1. November 2006 bis 1. Februar 2010, gefördert vom Schweizerischen Nationalfonds, Abteilung I

Dieses Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie in den alltäglichen Lebensarrangements von Paaren Geschlecht und Geschlechterverhältnisse konstruiert und reproduziert werden. Ausgangspunkt ist der Ort, an dem Paare einen wichtigen Teil ihres gemeinsamen Alltags verbringen: ihre Wohnung. In qualitativen Interviews werden Paare zur Gestaltung, Nutzung und Pflege ihrer Wohnräume befragt. Die Analyse konzentriert sich auf drei Momente, die für das Verhältnis der Geschlechter in Paarbeziehungen konstitutiv sind: die häusliche Arbeitsteilung, Beziehungs- und Liebesideale und die Selbstverhältnisse (Geschlechterbilder) der befragten Frauen und Männer.


Hintergrund
Die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse wurde lange Zeit im Sinne einer linearen Veränderung beschrieben. Doch derzeit stellt sie sich als ambivalenter Prozess dar: Grundlegende Veränderungen stehen Beharrungstendenzen gegenüber. Der Bereich der privaten Lebensführung wird in der wissenschaftlichen Debatte als einer der zentralen Orte angesehen, an dem sich diese widersprüchlichen Entwicklungstendenzen beobachten lassen. Als entscheidender Kristallisationspunkt wird dabei die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und das noch immer bestehende Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erachtet. Denn obwohl zunehmend mehr Frauen und Männer ihre Beziehung als Partnerschaft von Gleichen begreifen, weisen statistische Indikatoren auf eine zähe Persistenz der traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung hin.


Forschungsfragen

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungstendenzen stellen sich in der Geschlechterforschung derzeit zwei zentrale Fragen: Wie kommt es zu Persistenzen innerhalb der sich wandelnden Geschlechterverhältnisse? Und wie sehen die Verbindungen von neuen und alten Mustern konkret aus? Um Antworten auf diese Fragen zu geben, wird in diesem Projekt eine mikrosoziologische Perspektive eingenommen. Es geht darum, die Logik und Rationalität der Handelnden bzw. ihre Entscheidungen, Handlungsweisen und Normen sichtbar zu machen. Gefragt wird: Wer macht was in der Wohnung (Arbeitsteilung)? Wie kommen Entscheidungen zustande (Machtverhältnisse)? Welche Konflikte zeigen sich? An welchen Normen orientieren sich die sozialen AkteurInnen (Entscheidungskriterien)? Welche Beziehungs- und Liebesideale (Beziehungskonzepte) spielen dabei eine Rolle? Welche Bedeutungen haben die verschiedenen Tätigkeiten für die Einzelnen als „Frau“ oder „Mann“ (Herstellung von Geschlecht), als Paar und/oder Familie? Welche unterschiedlichen Selbstverhältnisse und Vorstellungen von „Männlichkeit“/„Weiblichkeit“ entwickeln die sozialen AkteurInnen?


Material und Methode

Unser Datenmaterial besteht aus qualitativen Interviews, in denen die Partnerinnen und Partner anhand eines Frageleitfadens getrennt zur Gestaltung, Nutzung und Pflege ihrer Wohnräume befragt werden. Befragt werden ca. 50 (gegen- und gleichgeschlechtliche) Paare, die in einem gemeinsamen Haushalt (mit und ohne Kinder) leben und unterschiedlichen sozialen Milieus angehören.

Das interdisziplinäre Forschungsteam orientiert sich bei der Textanalyse an mehreren interpretativen Methoden: dem Verfahren der dokumentarischen Methode, der grounded theory sowie der Diskursanalyse. Ausgehend von den Auskünften der Befragten über sich selbst und den/die Partner/Partnerin, über die Handlungsweisen und die normativen Rahmungen, sollen die Strukturen, welche das Arrangement des Paares ausmachen und die (impliziten) Mechanismen rekonstruiert werden. Auf der Grundlage dieser interpretativen Analyse werden theoretische Erklärungen über Wandel und Persistenz von Geschlechterverhältnissen in Lebensarrangements von Paaren generiert.


Ziele

Ziel ist zu beschreiben, wie Subjekte Wandel und Persistenz der Geschlechterverhältnisse erfahren und gestalten. Wo viele Studien die gegenwärtigen Geschlechterarrangements stereotyp entlang der gängigen Differenz als modern oder traditional etikettieren, lassen sich anhand unseres Materials gerade auch paradoxe Verbindungen von Kontinuitäten und Diskontinuitäten erfassen. Ein weiteres Ziel ist, die Mechanismen sichtbar zu machen, die zur Reproduktion der traditionellen Geschlechterordnung beitragen.