FAQ - Was sind Gender Studies?

Antworten von Prof. Dr. Andrea Maihofer auf Fragen rund um die Gender Studies
(Interviewreihe in der baz, 12.-16. November 2007 - Original)



Gibt es nun Unterschiede zwischen den Geschlechtern - oder mache ich mich allein schon mit der Frage verdächtig?

Ja klar, gibt es Unterschiede. Aber die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind vor allem sozialisatorisch bedingt, Ergebnis von Erziehung im weitesten Sinne. Beispiel Pausenhof: Hier ist häufig in der Mitte ein Fussballfeld markiert, während am Rande Turnstangen angebracht sind und manchmal ein paar Sitzbänke. Jungen lernen auf diese Weise, so ganz nebenbei, dass Fussball ‚zentral’ ist und sie dafür viel Raum beanspruchen dürfen. Mädchen hingegen erfahren, dass ihre Bedürfnisse eher ‚randständig’ sind und sie sich mit weniger Platz begnügen müssen. Das Problem liegt also nicht in der Feststellung, sondern in der Herstellung und Zementierung traditioneller Geschlechterunterschiede. Ein weiteres Problem liegt in den unterschiedlichen Wertigkeiten, die den verschiedenen Fähigkeiten oder Verhaltensweisen zugesprochen werden (zentral/marginal) und dass selbst in der Schweiz die gesellschaftlichen Möglichkeiten und Ressourcen zwischen den Geschlechtern nach wie vor ungleich verteilt sind.

Eine Ringvorlesung an der Uni Basel versucht mit aktuell mit Veranstaltungen wie "what sex is
your brain?" Geschlechterfragen und Naturwissenschaft einander näherzubringen. Haben Sie keine Angst, dass die Wissenschaft letztlich die Differenz der Geschlechter besiegelt?
In dem angesprochenen Vortrag geht es unter anderem darum, ob Männer sich wirklich so perfekt im Raum orientieren, sich allerdings nur auf eine Sache konzentrieren können, während Frauen in sozialen Situationen emotionaler und sensibler sind, dafür häufiger links und rechts verwechseln. Handelt es sich bei solchen Aussagen nur um Vorurteile oder lassen sie sich wissenschaftlich belegen? Neurobiologische Unterschiede im Gehirn werden häufig als Beweis für 'natürliche' Unterschiede von Frauen und Männern angeführt. Doch: Mit dem Konzept der Hirnplastizität können wir heute zeigen, dass Funktionen des Gehirns Resultat unterschiedlicher Erziehung, Erfahrungen und Lebensweisen sind. Die Geschlechterforschung zementiert also keine Geschlechterunterschiede, sondern untersucht, wo biologische Unterschiede nachzuweisen sind und welche gesellschaftliche Relevanz sie haben. Das geht allerdings nur in einem konstruktiven Dialog zwischen Naturwissenschaften und Geschlechterforschung. Und genau das versuchen wir in dieser Ringvorlesung.

Erklärt das auch, warum es kaum Frauen gibt, die zum Beispiel Ingenieurwissenschaften, während sie in Psychologie oder auch Germanistik in der Überzahl sind?
Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie sehr die Entwicklung von Fähigkeiten von Erziehung und Vorbildern abhängig ist. Wie die Schulforschung in der Schweiz zeigt, geben Lehrer nach wie vor stark traditionelle Geschlechtervorstellungen an die Schüler und Schülerinnen weiter. So werden Mädchen vor allem in ihren sozialen und kommunikativen Kompetenzen bestärkt. Andererseits wird unterstellt, sie interessierten sich weniger für Mathematik, Informatik oder technische Berufe und seien dafür auch weniger begabt. Sie werden daher entmutigt. Auch in der Berufsberatung wird jungen Frauen eher geraten, sogenannte ‚passende’ Frauenberufe zu wählen, die sich letztlich auch besser mit einer Familie verbinden lassen.

Sieht nach einem Teufelskreis aus. Wie kommt man da raus?
Sollen sich die Geschlechter in den Berufen mehr nach ihren individuellen Fähigkeiten verteilen, dann müssen wir also sehr früh in der Erziehung ansetzen und die  Geschlechterbilder stärker kritisch überdenken. Auch Mentoringprogramme sind bedeutsam. In Schweden haben die Frauen mit 55% die Männer im Studium der Naturwissenschaften sogar bereits überholt.

Der Studiengang Gender Studies befasst sich mit Gender im weitesten Sinn. Also mit - ja mit was eigentlich?
Ja, das werden wir immer wieder gefragt. Darauf kurz zu antworten ist gar nicht so einfach. Erstmal: Die Geschlechterforschung untersucht die Bedeutung von Geschlecht in Wissenschaft und Gesellschaft. Aber was heisst das konkret? Studierende beschäftigen sich beispielsweise mit der Frage, welchen Unterschied es macht, sich als Mann oder als Frau im öffentlichen Raum zu bewegen? Wie kommt es, dass die Wohnküche heute zunehmend beliebter wird? Wie sahen die Geschlechterverhältnisse in der Urgeschichte aus? Warum verdienen Frauen bei gleicher Arbeit weniger Geld? Wie verhalten sich Männer im Alltag punkto Gesundheit und Krankheit? Und wie lässt sich erklären, dass Frauen in der Lebendorganspende signifikant häufiger vertreten sind als Männer? Geschlechterforschung befasst sich also mit sehr unterschiedlichen Fragen und Themen. Aber vor allem: sie befasst sich mit dem Leben von beiden Geschlechtern und den Geschlechterverhältnissen (zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Gesellschaften bzw. Kulturen).

Das Basler Gender Studies Zentrum könnte aber eine Männerquote vertragen. Die grosse Mehrheit der dort Lehrenden sind Frauen. Ist Gender Studies Frauensache?
Männerquote wenn es in der Schweiz keine Frauenquoten gibt? Es ist immer wieder interessant, wie schnell diese Forderung gestellt wird, wenn das Verhältnis in einem Bereich mal etwas anders ist. Aber im Ernst. Die Geschlechterforschung wird immer noch als eine Art Frauenstudium angesehen. Das hat historische Gründe. Schliesslich ist sie aus der Frauenforschung entstanden. Inzwischen geht es aber, wie gesagt, um beide Geschlechter. Das hat sich allerdings noch nicht überall herumgesprochen. Doch ich bin zuversichtlich, dass sich dieses verkürzte Bild mit der Zeit ändern wird. Schon jetzt wächst die Zahl männlicher Studierender stetig. Meist sind sie sehr überrascht, wie wenig wir bislang über männliche Lebenswelten wissen und wie viel es da noch zu forschen gibt. So untersuchen wir in einem unserer Forschungsprojekte, unter welchen Bedingungen manche Männer Väter werden, andere aber sich gegen Kinder entscheiden. Ein aktuell sehr brisantes Thema.

Eine aktuelle WEF-Studie verweist die Schweiz punkto Gleichberechtigung der Geschlechter auf den 40. Platz weltweit. Österreich und Deutschland liegen ein gutes Stück weiter vorne. Was läuft falsch in der Schweiz?
Die Schweiz liegt nicht nur weit hinter den skandinavischen Ländern, die die Spitzenposition einnehmen, und hinter Österreich und Deutschland, sondern auch hinter nicht europäischen Ländern wie Südafrika, Lesotho und Kuba. Das ist ein Faktum, über das nicht so einfach hinwegzureden ist. Schliesslich ist die Schweiz eines der entwickeltsten und reichsten Länder der Welt. Was läuft falsch? Zum Beispiel die Lohnungleichheit: hier liegt laut dieser Studie eine der zentralen Ungleichbehandlungen in der Schweiz. Frauen verdienen durchschnittlich 20% weniger als Männer. Sie arbeiten in schlechter bezahlten Bereichen wie der Dienstleistung und wenig in Kaderpositionen. Zudem arbeitet weit über die Hälfte der Frauen (57,9%) Teilzeit (EU 32,4%). Grund hierfür sind u. a. die unzureichenden institutionellen Bedingungen für eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf: nach wie vor fehlen ausreichend Kinderkrippen, Ganztagsschulen, flexible Arbeitszeitregelungen (auch für Männer), um nur ein paar Dinge zu nennen.

Aber warum tut sich gerade die Schweiz, ein Land mit einer so ausgeprägten demokratischen Tradition, so viel schwerer als Deutschland, Österreich oder auch Südafrika?
Ich habe hierauf noch keine wirklich befriedigende Antwort (wäre ein wichtiges Forschungsprojekt). Mein Eindruck ist allerdings, dass das Problem der Ungleichheit der Geschlechter noch immer unterschätzt wird: schliesslich geht es hier eigentlich um eine ganz grundlegende Frage menschlicher Gerechtigkeit. Andere Länder haben dafür ganz offensichtlich bereits ein höheres Bewusstsein entwickelt. Unterschätzt werden zudem die langfristigen sozialen, ökonomischen und politischen Folgen, die dieses zögerliche Engagement haben werden – nicht zuletzt auch für die Jugend.

Woran merkten Sie damals, als Studentin, dass Sie als Frau benachteiligt sind?
Aufgrund meines familiären Kontextes waren für mich die Frage sozialer Gerechtigkeit und ein konstruktiver kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse von klein an eine Selbstverständlichkeit. Aufgrund meiner Hörbehinderung und meiner Bisexualität habe ich zudem schon sehr früh sehr viele Erfahrungen mit sozialer Benachteiligung gemacht. Aber ich muss gestehen, zu Beginn meines Studiums war ich der Meinung, dass die Feministinnen (wie eine meiner älteren Schwestern) völlig unrecht haben. Ich war der festen Überzeugung, dass ich nur gut sein muss in meinem Studium und dann alles seinen Gang geht. Das schien sich auch zunächst zu bestätigen. Gleich im ersten Semester wurde ich von meinem Philosophieprofessor in sein Kolloquium gebeten, was nicht gerade üblich war.

Das war doch eine schöne Bestätigung…
Ja, aber etwas stimmte hier nicht, und das wurde mir erst nach und nach klar. So musste ich mir von ihm und anderen Professoren immer wieder sagen lassen, dass Frauen zur wissenschaftlichen Arbeit eigentlich nicht taugen. Sie nicht wirklich klar denken können. Ich sei halt eine Ausnahme. Wenn Leistung und nicht das Geschlecht eine Rolle spielt, warum wurden dann aber so viele mittelmässige Männer gefördert, bei den Frauen aber immer nur die besten? Dies war eine Frage, die mich zunehmend irritierte. Dass Menschen nur aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, einfach nur weil sie Frauen sind, diese Einsicht war für mich ein sehr schmerzhafter Prozess. Das ist demütigend.

Was gab den Ausschlag, sich mit dem Feminismus zu befassen?

Die Einsicht in diese Ungerechtigkeit und das Bedürfnis die Gründe zu erfahren, haben dazu geführt, dass ich mich immer mehr mit feministischer Theorie beschäftigt habe. Mit der Zeit habe ich dann angefangen, mich auch in historische und aktuelle Studien zu Geschlechterverhältnissen einzuarbeiten. Und irgendwann war für mich klar, dass das ein zentraler Bereich meiner wissenschaftlichen Arbeit werden wird.

Büstenhalter verbrennen, Zwiebeln schneiden im Basler Grossratssaal - das war einmal. Heute tritt der Feminismus gemässigter auf. Vermissen Sie die Aufbruchstimmung von damals?
Nein, ich war ja nicht Teil dieser Generation. Ich war nie Teil einer Bewegung. Aber ich bin sicher, das hat etwas. Aber apropos Aufbruchstimmung. Als ich 2001 hierher nach Basel kam mit dem Auftrag, ein Zentrum für Geschlechterforschung aufzubauen und Studiengänge zu entwickeln, gab es hier im Kleinen sehr wohl auch so etwas wie Euphorie. Und in den letzten Jahren hat sich in dem gesamtschweizerischen Kooperationsprojekt, das ich leite, und das nun das zweite Mal vom Bund gefördert wird, auch eine Art Aufbruchstimmung entwickelt. Es macht durchaus Vergnügen, gemeinsam einen neuen wissenschaftlichen Bereich aufzubauen.

Haben die 70er Jahre dem Anliegen der Frauen nicht auch geschadet? Das damals entstandene Zerrbild der keifenden, asexuellen Feministin spukt noch heute in den Köpfen vieler Leute herum.
Viele Forderungen der Feministinnen sind heute eine Selbstverständlichkeit: es ging um das Recht auf Abtreibung, um das Wahlrecht, Bildungsgerechtigkeit, Berufstätigkeit, eine eigenständige Lebensgestaltung, finanzielle Unabhängigkeit, Gleichberechtigung in der Partnerschaft. Das heisst, es ging um nicht mehr und nicht weniger als das Recht auf die Gleichberechtigung der Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Worüber heute gestritten wird, sind weniger diese Forderungen, als vielmehr ob sie bereits erfüllt sind oder nicht. Und welche Massnahmen es im Weiteren braucht. Vergessen wird dabei allerdings leicht, wie vieles davon gerade aufgrund des lauten Eingriffs dieser „schrecklichen Emanzen“ erreicht worden ist. So ist für mich immer wieder berührend, wenn mir ältere Männer sagen, sie können heute nicht mehr verstehen, warum sie damals nicht begriffen haben, dass die Verweigerung des Wahlrechts für Frauen eine ungeheure Ungerechtigkeit war. Und dass sie sich inzwischen schämen, wie sie früher über Frauen gedacht haben.

Nicht nur Hinterwäldler, auch viele moderne, aufgeschlossene Frauen lehnen heute die Forderungen von Feministinnen ab (sie sehen sich nicht als Opfer, oder wollen sich nicht als solches sehen). Ist das ein Missverständnis?
Wie gesagt, die Einsicht, nur deshalb benachteiligt zu sein, weil man eine Frau ist, ist sehr demütigend. Eine solche Erkenntnis hält man so lange von sich fern, wie es immer geht. Dass gerade junge Frauen sich häufig nicht mehr so betroffen fühlen, hat aber auch mit den vielen Veränderungen zu tun, die erreicht wurden. Zudem sind die Benachteiligungen von Frauen sehr viel subtiler geworden. So richtig deutlich werden sie oft erst im Berufsleben oder gar, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Dann zeigt sich, wie unzureichend die Bedingungen und das Bewusstsein dafür in der Schweiz nach wie vor sind. Wie schwierig es immer noch ist, eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf partnerschaftlich zufriedenstellend zu leben. Und nicht zuletzt wird immer offensichtlicher: Auch Jungen und Männer erfahren Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts. Die Geschlechterfrage ist keineswegs mehr so eindeutig, wie es noch vor 10 Jahren schien.

Ist denn die umstrittene deutsche Ex-TV-Talkerin Eva Herman nur eine Ausnahmeerscheinung? Immerhin würde die wählerstärkste Partei der Schweiz ihre "Heim-an-den-Herd"-Philosophie sofort unterschreiben...
Nein, Eva Hermann ist nur eine Exponentin dieser Kritik, die immer wieder formuliert wird. Meiner Meinung nach macht es jedoch wenig Sinn, verklärend in eine heile Welt zurückzublicken, die weder so heil war, wie suggeriert wird, noch eine mögliche Lösung für die heutigen Probleme ist. Die wachsende Berufstätigkeit der Frauen wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen. Zum einen werden die Frauen in den Berufen gebraucht. Zum anderen liegt hier eine grosse Chance für eine zunehmende Zahl von Männern, die die einseitige Ausrichtung auf Beruf und Karriere überwinden wollen. Eine Einseitigkeit, die immer mehr Männer als problematisch empfinden: Zum einen aufgrund des steigenden Drucks in der Arbeitswelt, zum anderen weil ihr Bedürfnis, mehr Zeit für ihre Partnerschaft und ihre Kinder zu haben, deutlich grösser wird.

Die meisten von uns haben, wenn es um Ihr Forschungsgebiet geht, Alice Schwarzer vor Augen. Ist sie für Sie eine Vorzeigefigur? Oder ist sie überholt (z.B. beim Kopftuch-Streit - wie ist da Ihre Position)?
Alice Schwarzer war und ist wichtig. Als Journalistin beherrscht sie die Medien in grossartiger Weise. Dadurch hat sie wesentlich zur öffentlichen Sichtbarkeit von Frauendiskriminierung beigetragen. In diesem Punkt ist sie für mich ganz klar eine Vorzeigefigur. Andererseits vertritt sie einen Feminismus, der meiner Meinung nach in der Tat inzwischen ‚überholt’ ist: wie ihre ausschliessliche Konzentration auf die Probleme der Frauen und ihre Ansicht, Frauen seien vor allem Opfer. Auch Frauen sind Akteurinnen in Prozessen sozialer Diskriminierung. Z.B. wenn sie kopftuchtragende Frauen unterschiedslos als Opfer männlicher Unterdrückung bezeichnen und für sich das Recht reklamieren, diesen ‚unterentwickelten’ Frauen ein modernes Frauenbewusstsein zu lehren. Für mich sind Anerkennung der Verschiedenheiten der Menschen, egal welcher Kultur, zentraler Ausgangspunkt jeglicher politischen Debatte und wissenschaftlichen Forschung.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Ist die totale Gleichberechtigung der Geschlechter das Ende von Gender Studies?
Das ist eine Frage, die uns häufig gestellt wird. Meist wird dabei unterstellt, dass es bald soweit wäre mit der totalen Gleichberechtigung. Platz 40 zeigt, dass das  keineswegs der Fall ist. Im Gegenteil. Da ist offensichtlich noch sehr viel Arbeit zu tun in den nächsten Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten – sollte sich das Tempo nicht radikal ändern. Fakt ist, dass es dringend eine verstärkte Gleichstellungspolitik braucht. Und dafür braucht es auch die Geschlechterforschung. Denn sie ist es, die das Grundlagenwissen zur Verfügung stellt, die Geschlechterverhältnisse untersucht und Lösungen für die Praxis entwickelt. Hier sind wir in der Schweiz ja erst am Anfang. Doch: Die Geschlechterforschung ist viel mehr als eine Wissenschaft von der Gleichstellung. Ihr Kerngeschäft ist die Erforschung der Bedeutung von Geschlecht in Wissenschaft und Gesellschaft. Zur Erläuterung ein Beispiel: Die zunehmenden Probleme (junger) Männer sind nicht in erster Linie Ergebnis von Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts, sondern z.B. die Folge von Kollisionen zwischen traditionellen und neuen Anforderungen an Männlichkeit. So zeigt sich in unserer Männer/Väter-Studie, dass herkömmliche Vorstellungen von Männlichkeit in Widerspruch geraten mit neuen Anforderungen an Väterlichkeit. Immer mehr Männer weichen dem aus, in dem sie sich gegen Kinder entscheiden.

Wer oder was kann die totale Gleichstellung der Geschlechter noch verhindern? (Smeralda Senn)
Möglicherweise die, die derzeit sagen, sie sei schon längst Wirklichkeit. Aber ich bin zuversichtlich. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist ein weltweiter Trend. Sicherlich wird es in einigen Ländern länger dauern als in anderen. Aber insgesamt ist dieser Prozess nicht mehr umkehrbar. Zu viele ökonomische, politische und kulturelle Entwicklungen greifen hier ineinander und verstärken sich wechselseitig.

Ist das "dritte" Geschlecht, sprich Intersexualität, auch Thema Ihrer Forschungen? (Colette Fasel)
Ja. Eine meiner DoktorandInnen im Graduiertenkolleg z.B. arbeitet zu Intersexualität. Sie untersucht die Kriterien, nach denen in der Schweiz Personen als intersexuell, also als nicht eindeutig einem Geschlecht zuordenbar, eingestuft werden. Und welchen Verfahren sie unterzogen werden. So werden viele schon als Säuglinge und Kleinkinder ungefragt, zahlreichen Operationen und Behandlungen unterzogen, um ihr Geschlecht zu „vereindeutigen“. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt allerdings im Selbstverständnis der Intersexuellen: Viele nehmen sich nicht als eindeutig männlich oder weiblich wahr, weder körperlich noch psychisch. Sie empfinden es daher als Zwang, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen. Gerade Intersexualität ist neben Transsexualität ein gutes Beispiel, dass geschlechtliche Eindeutigkeit keine Naturgegebenheit, sondern eine gesellschaftliche Norm ist, unter der viele Menschen leiden.

Befürworten Sie eine Frauenquote? Wo? Und warum? (Peter Roth)
Ich finde es interessant, dass gerade in der Schweiz, in der der Proporz nach Kantonen, Landesteilen und Sprachen völlig unstrittig ist, die Frauenquote derart unbeliebt ist. Im internationalen Recht ist die Quote ja seit langem anerkannt. Und tatsächlich kann sie in der Politik oder an der Universität den Gleichberechtigungsprozess beschleunigen. Ehrlich gesagt, mich würde es nicht stören, „Quotenfrau“ zu sein. Auch viele Männer sind nur aufgrund ihres Geschlechts auf ihren Stellen. Zudem hätte ich ja jederzeit die Möglichkeit, das Gegenteil zu beweisen. Ich selbst ziehe allerdings die Festlegung von Zielvorgaben vor. Das ist weniger zwanghaft. Bei manchen Berufen wäre ich inzwischen allerdings auch für eine Geschlechterquote. Das würde diese Berufe wahrscheinlich sehr schnell aufwerten.

Geschlechterdiskriminierung, sagten sie, kommt sehr versteckt daher (Fussballfeld auf dem Pausenhof!) und wirkt daher unbewusst um so stärker. Gilt das Ihrer Meinung nach auch für harmlose Wörtchen wie "man" oder die fehlende weibliche Endung? (Brigitte Wegmüller)

Ja. Es ist nicht zu unterschätzen, wie sehr sich die Bilder in unseren Köpfen ändern, wenn wir plötzlich nicht nur Arzt, sondern Ärztin hören. Ein plastisches Beispiel, was die männliche Dominanz in der Sprache für Blüten treiben kann, ist für mich die Regelung für den sogenannten „schwangeren Betriebsrat“ im deutschen Recht. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis daraus die „schwangere Betriebsrätin“ wurde. Sprache kann sehr mächtig sein. Warum sonst wird in der Schweiz so gezögert, bei Familienpolitik nicht nur vor allem von Frauen, sondern ganz ausdrücklich von Eltern oder Müttern und Vätern zu sprechen?


Interview-Reihe mit Prof. Dr. Andrea Maihofer im Original